Theodor Storm und die Gespenster

Jahrestagung stellte den »realistischen Geisterseher Storm« ins Zentrum

Pressebericht: Dithmarscher Landeszeitung,
9. September 2013

Mit fulminanten Storm-Tagen hat die Storm-Gesellschaft am Wochenende des großen Dichters in Husum gedacht, der überall in einem Atemzug mit seiner »grauen Stadt am Meer« genannt wird: Mit Buchvorstellungen, Vorträgen, literarischen Lesungen sowie einer Talk-Runde und einer Stationen-Inszenierung an Storm-Orten in der Stadt begeisterte der junge Sekretär der Gesellschaft, Dr. Christian Demandt, Mitglieder und Gäste.

Den Anfang machte der Ehrenpräsident der Storm-Gesellschaft, Prof. Karl Ernst Laage, mit einem Doppelakkord. Im überfüllten Storm-Haus in der Wasserreihe stellte er zum Auftakt der Storm-Tage sein neues Buch Theodor Storm privat vor, das soeben im Boyens Buchverlag erschienen ist. Hier holt der Altmeister der Storm-Forschung den Dichter vom Sockel der Mythifizierung und stellt ihn vor als »Menschen wie du und ich«. Laage führte das Publikum durch die 25 Kapitel, die wie Mosaiksteine am Ende ein Gesamtbild ergeben, wie sehr dieses in jeder Hinsicht ehrlich geführte Leben im Werk und in den Briefen des Dichters sich spiegelt.

Die leitende Frage der eigentlichen Arbeitstagung lautete, wie denn Storm als Dichter des poetischen Realismus und Storm als Geisterseher zusammenzubringen sind. Prof. Heinrich Detering, der Präsident der Storm-Gesellschaft, wies in seiner Begrüßung bereits auf das Zwielichtige in Storms Dichtung hin, Storm stehe für den Übergang von dem Unheimlichen der Romantik zum Vernünftigen des Realismus.

Karl Ernst Laage, der zu dieser Tagung mit seiner Neuausgabe von Theodor Storms »Neues Gespensterbuch«, ebenfalls erschienen im Boyens Buchverlag, aufwartete und darin die von Storm gesammelten, durch Zeugen beglaubigten Gespenstergeschichten präsentiert und kommentiert, zeigte anhand des Meisterwerks Der Schimmelreiter,  wie hier eine Gespenstersage zum Untergrund der realistischen Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien wird. Storm gelinge es mit seiner Erzählkunst, das Realistische in dieser Novelle in den Vordergrund zu stellen, ohne den gespenstisch-übersinnlichen Rahmen ganz aufzuheben.

Als einer der jüngsten Storm-Forscher sprach dann Prof. Philipp Theisohn von der Universität Zürich über »Spökenkieken. Storm und das Wissen der Geister«. Er gab eine Poetik des literarischen Spuks anhand von Storms Novelle Am Kamin und zeigte auf, dass Storms große Empfänglichkeit für übersinnliche Phänomene, die auch an zahlreichen einschlägigen Büchern in seiner Bibliothek zu erkennen ist, in seiner realistischen Dichtung eine Dimension ermöglicht, in der frühere Zeiten oder randständige Figuren mit Ängsten vor dem Umbruch in der Gründerzeit abgebildet werden können.

In der Talk-Runde nach der Mitgliederversammlung diskutierten unter Leitung von Dr. Christian Demandt die Literaturwissenschaftler Dr. Tilmann Spreckelsen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Prof. Heinrich Detering von der Universität Göttingen über die zusätzlichen erzählerischen Möglichkeiten, die dem Dichter Storm als »realistischer Geisterseher« zur Verfügung standen: Das Zerrissensein zwischen der zurückgelassenen Romantik und dem Weg zum Realismus mache Storm im eigentlichen Sinne literarisch produktiv, sagte Detering. »Wer diesen Zwiespalt nicht aushält, gestaltet ihn – und Storm tat es höchst kunstvoll.«

Am Abend mit Einbruch der Dunkelheit verwandelte eine Theatergruppe der Hermann-Tast-Schule das Storm-Haus in ein »Geisterhaus in der Wasserreihe«: Hier wurde sinnlich erfahrbar gemacht, was Storm in den Gespenstergeschichten so faszinierte und warum er so gerne Gespenstergeschichten im kleinen Kreis erzählte, wobei seine Augen glühten und er von Zeit zu Zeit mit der Faust auf den Tisch schlug, so dass die Tassen tanzten, wie seine Tochter Gertrud überliefert hat.

Die Storm-Tage klangen aus mit einer szenischen Lesung von Tilman Spreckelsen und Christian Brückner unter dem Titel »Der Blick nach drüben« und mit einer szenischen Interpretation an historischen Storm-Orten unter der Überschrift »Der Blick nach drinnen«. Wissenschaft, Literatur und Spiel fügten sich zu einer glücklichen und höchst unterhaltsamen Mischung.

Text: Bernd Rachuth

Zum Bericht der Husumer Nachrichten vom 9. September 2013 gelangen Sie hier