Über Storms Leichen

Tanztheater STORM: Liebespaar Reinhardt und Elisabeth

Storm-Tagung 2014 widmet sich dem Thema »Mord und Totschlag bei Theodor Storm«

Vom 12. bis zum 14. September 2014 fand in Husum die alljährliche Internationale Tagung der Theodor-Storm-Gesellschaft statt. Eröffnet wurde sie mit der Vergabe des Theodor-Storms-Preises der Stadt Husum. Verdient macht sich, wer die Leistungen des Dichters für eine breite Öffentlichkeit neu erschließt. Dies ist Tilman Spreckelsen mit seinem Kriminalroman Nordseegrab, der 2015 im S. Fischer Verlag erscheinen wird, gelungen. »Dieser Roman ist ein literarisch mit allen Nordseewassern gewaschenes literarisches Kabinettstück«, führte Heinrich Detering, Präsident der Theodor-Storm-Gesellschaft, in seiner Laudatio aus. Spreckelsen rekonstruiert detailgenau das Husum Theodor Storms im Jahr 1843, lässt den Dichter als ermittelnden Anwalt auftreten und verwebt dabei kunstvoll Storms erzählte und reale Lebenswelt.

Der Vortrag von Klaus Alberts aus Kiel, der Theodor Storm als Jurist vorstellen sollte, fiel krankheitsbedingt aus. Heinrich Detering vertrat ihn, indem er Herman Bangs packende psychologische Kriminalstudie Eine sonderbare Geschichte las und vorstellte. »Woher kommen unsere Beschlüsse? Von wo gehen unsere Handlungen aus?« lauten die Fragen, von denen Bang ausgeht.

Die anschließenden Vorträge zeigten dann die Literaturwissenschaftler selbst als Detektive und Spurensucher: So stellte Valérie Leyh aus Lüttich die Verbindung von Mord und Gerücht in Storms Novelle Renate vor; Gideon Haut aus Karlsruhe widmet sich der Schuldfrage des Protagonisten aus Ein Doppelgänger vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Kriminologiediskurses. Den Festvortrag über „Storms Leichen und jene, die über sie gehen“ hielt der Zürcher Literaturprofessor Philipp Theisohn, der seinen Vortrag mit der Pointe schloss: »Wir selbst, die Leser, sind es, die über Storms Leichen gehen.«

Bei der Mitgliederversammlung verwies Heinrich Detering auf die erfreuliche Bilanz der gestiegenen Mitgliederzahlen: So verzeichnet die Theodor-Storm-Gesellschaft im vergangenen Jahr 45 neue Mitglieder, im vorhergehenden Jahr waren es sogar 60 neue Mitglieder. Dies sei auf die engagierte Politik des Sekretärs Christian Demandt zurückzuführen.

Den Abschluss des Abends bildete das Tanztheater STORM der Hermann-Tast-Schule unter Leitung von Susanne Borchert und Kristina Moritz. Anderthalb Jahre Proben steckten in dem Projekt, das eigens für die Storm-Tagung konzipiert wurde. Schülerinnen und Schüler im Alter von 9 bis 19 Jahren begeisterten das Publikum mit komplexen Tanzchoreografien, beeindruckenden darstellerischen Leistungen und einer selbstgeschriebenen, mitreißenden Liebesgeschichte, deren tragischer Konflikt schließlich durch geschickt verwobene intertextuelle Bezüge aufgelöst wird.

Den letzten Tagungstag rundeten Vorträge zu neuen Veröffentlichungen zum Schimmelreiter ab. Gerd Eversberg gelang es mit der Vorstellung seiner historisch-kritischen Edition, einen Bogen von der Edition zur Interpretation zu schlagen und damit wiederum einen Täter zu entlarven: Unter dem Einbezug der Esche als Leitmotiv sieht er das Versagen von Elke als Frau und Mutter verantwortlich für den Untergang der Familie des Deichgrafen.

Uwe Jess stellte die in seinem Verlag erschienene Graphic Novel von Ute Hembold vor, die die düstere Atmosphäre des Schimmelreiters in beeindruckende Illustrationen umsetzt und bereits großen Zuspruch von Wissenschaftlern und Künstlern wie etwa dem Schriftsteller Uwe Tellkamp erhielt.

Beendet wurde die Tagung mit einer Exkursion nach Schwabstedt.

Text: Ute Walter