Applaus für STORM

Beeindruckende Tanztheater-Premiere bei der Storm-Tagung 2014

»Nicht klatschen! Nicht klatschen! Ich habe mit all dem nichts zu tun.« Herr Rächner betritt die Bühne, der sprechende Name weist ihn bereits als Mathematiker mit Leserechtschreibschwäche aus, der im Kontext des Stücks zugleich an den ›berechnenden‹ Erich aus Immensee wie an den Deiche bauenden Ingenieur Hauke Haien denken lässt. Eigentlich solle er »hier nur kurz erklären, wie die Technik funktioniert … Hier geht es ja heute um Strom … äh, nein, um Storm.«

So beginnt das Tanztheater STORM der Schülergruppe von Tanzlehrerin Kristina Moritz und Musiklehrerin Susanne Borchert, das am Samstagabend der Storm-Tagung in der ausverkauften Aula der Hermann-Tast-Schule Premiere feierte. Geboten wird ein von den beiden Lehrerinnen selbst verfasstes Stück, das mit rotweinbefeuerter Schreiblust eine Liebesgeschichte nach Storm-Motiven erzählt, um die herum alles angesiedelt wird, was zur Zeit in Husum mit Blick auf den berühmtesten Sohn der Stadt Thema ist. Es geht um Geister und Wiedergänger, um Liebe, um Husum. Am Ende hat sogar der 94-jährige Ehrenbürger Karl Ernst Laage einen Video-Gastauftritt beim Sommerbad in der Nordsee.

Vor allem geht es um: Storms Frauen, erkennbar beeinflusst von der jüngsten Storm-Biografie des ebenso wie Ehrenbürger Laage im Publikum anwesenden Schriftstellers Jochen Missfeldt (der als Herr Jochfeldt im Stück auftritt).

Da begegnet schon gleich zu Beginn Familienvater Theo, der seinen »knapp bemessenen Jahresurlaub« mit Frau, Sohn und Tochter am Husumer Dockkoog verbringt, sich aber weniger für die Familie, sondern mehr für die Strandgirls Mandy, Sandy, Chantal und Jaqueline interessiert, denen er gierig nachstellt.

Den romantischen Gegenentwurf dazu stellt die Liebesgeschichte zwischen Reinhard und Elisabeth dar, bei Moritz und Borchert zwei junge Teilnehmer einer Storm-Tagung.

Tragischerweise ist Elisabeth schon vergeben. Am Ende aber finden beide, anders als bei Storm, in einem furiosen Sturmflut-Finale (für das Carsten Curator die Vorlage gibt) doch zusammen, dabei in Echtzeit begleitet von »Nord-TV live«. Nebenbei rettet das Liebespaar noch das Dichtermuseum in der Wasserreihe, das einem Spaßbad mit Megarutsche direkt in den Binnenhafen weichen sollte. Reporterin: »Ich sage ihnen, Drama, pures Drama, und nun dieses Happy End!«

Vorher allerdings wird Reinhard eine alptraumhafte Storm-Odyssee zugemutet, die wenig auslässt: So muss er zunächst die endlosen Fachdebatten der Storm-Expertenrunde unter Präsident Dr. Debating (alias Heinrich Detering) ertragen: »Ist Hauke Haien ein Mörder? Hat er Trien Jans’ Angorakater wirklich auf dem Gewissen?«, ehe Reinhard selbst, mittlerweile liebeskummerkrank, bei der Wahrsagerin Trien Jans unfreiwilllig in einen Kampf auf Leben und Tod mit einem tigergroßen Katzentier gerät, das er schließlich in Notwehr erwürgt (»Was mach ich denn jetzt nur? Ich muss diesen Scheiß-Kater loswerden!«).

Anschließend geht es weiter auf die Storm-Geisterbahn, »mutterseelenallein durch die Gassen im Mondenschein«, hinein »in ein alt verfallenes Haus«, wo Reinhard – großartig choreografiert von Kristina Moritz – von allen Storm’schen Gespenstern umtanzt wird, bis ihm, auf dem Höhepunkt des Alptraums, Elisabeth begegnet, um Techniker Rächner als Verlobten vorzustellen: »Weißt du, er baut gerade ein Haus für mich. Nimm es mir nicht übel, aber das, was zwischen uns passiert ist, hat nichts zu bedeuten.«

»Denken Sie an Storm und fassen sie Mut!«, ist da der einzig sinnvolle Rat, der hier aus dem Mund des Literaturexperten Reich-Ranicki kommt, worauf Reinhard erst einmal in der Hafenkneipe landet.

Dort klärt das laszive Harfenmädchen über Storms Frauen auf: »Aber mal ganz ehrlich: ich will keine von seinen Frauen gewesen sein. Zum Kotzen, wie der die behandelt hat. Kennt ihr eigentlich die Strumpfbandgeschichte?« Es folgt: Auftritt Emma Kühl (»Fehlt nicht allen Männern im entscheidenden Moment die Leidenschaft?«), Auftritt Bertha von Buchan (»Als er mich traf, war ich gerade elf Jahre alt. Seine Briefe habe ich nie wirklich verstanden. Da stand so etwas wie ›dass er mich geistig an sich fesseln wolle‹«) und Aufritt Posthuma: »Geistig? Ich bin ja nur eine seiner Erfindungen. Aber wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf: In der Novelle, in der ich die Hauptrolle spiele, will der Mann nur das Eine von mir …«. Auf diese Weise montiert das Stück fortwährend Literarisches und Biografisches ineinander, will also weder nacherzähltes Leben noch inszenierte Storm-Literatur sein und bietet gerade so einen erfrischend originellen, unprätentiösen Blick auf Leben und Werk Storms.

Neben den beachtlichen schauspielerischen Leistungen der jungen Darsteller zwischen 8 und 21 Jahren beeindruckten besonders die aufwendigen Tanzchoreografien. Man glaubt es kaum, dass hier Schüler tanzen, die zum Teil bisher noch keinerlei Erfahrung im Bühnentanz hatten.

Für die Jugendlichen bedeutet das: Wer hier mitmachen will, muss sich dem Projekt ganz verschreiben. Bei den Proben herrscht ein anderer Ton als im Schulunterricht, wo möglichst jeder mitgenommen werden soll, ohne gedrillt, ohne überfordert zu werden.

Hier jedoch stürzen sich die Jugendlichen stressfreudig in stundenlange Nachmittagsproben, an deren Ende sie nicht selten mit einem nicht zufriedenstellenden Ergebnis konfrontiert werden. Anders als im Unterrichtsfach »Darstellendes Spiel« ist das Verhältnis zwischen erbrachter Leistung und erwirtschafteter Note in keiner Weise schülerfreundlich. Der Einsatz der Schüler ist immens, er muss fast ausschließlich in der Freizeit, teilweise sogar in der Ferienzeit erbracht werden, eine Note aber gibt es nicht. Dafür das Erlebnis, gemeinsam eine künstlerische Leistung erbracht zu haben, die Zuschauer und Darsteller gleichermaßen beglückte.

So endete die Premiere mit tosendem Beifall des Publikums, das zuletzt erlebte, wie der wirkliche Präsident der Storm-Gesellschaft die Bühne betrat, um sich vor der Schülergruppe zu verneigen. Storm selbst hätte es sich nicht schöner ausdenken können.

Text: Christian Demandt
Fotos: Thomas Lorenzen