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Öffnungszeiten

1. Mai – 30. September 2024

Di–Sa 11–17 Uhr | So 14–17 Uhr

| 1. Mai – 30. September 2024:
Di–Sa 11–17 Uhr | So 14–17 Uhr

Lyrik im Storm-Haus


Der ewige Brunnen

Nach drei Jahren pandemiebedingter Pause eröffnete der Lyriker, Literaturwissenschaftler und Essayist Dirk von Petersdorff am 30. März die Veranstaltungsreihe 2023 mit der Vorstellung des von ihm neu herausgegebenen Ewigen Brunnen. 1955 zum ersten Mal erschienen, gehört der Ewige Brunnen zu den populärsten Anthologien deutscher Poesie. Während Karl Otto Conradys Sammlung sich primär dem Dokumentarischen der »deutschen Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart« – so der Untertitel – verpflichtet fühlt und Heinrich Deterings bei Reclam erschienenes Großes Buch der deutschen Gedichte einen mehr literaturgeschichtlichen Fokus einnimmt (die Auswahl der Gedichte somit stärker ästhetisch gewichtet als Conrady), ist das Markenzeichen des Ewigen Brunnen, dass die Gedichte nicht chronologisch dargeboten, sondern nach Themenfeldern sortiert sind.

   Dirk von Petersdorff übernimmt dieses Ordnungsprinzip von seinen Vorgängern Ludwig Reiners und Albert von Schirnding (wobei er die Themen neu bezeichnet, teils ganz neu einführt), auch verzichtet er weiterhin auf ergänzende Kurzinformationen zu den Autoren, wie sie etwa Deterings Anthologie bietet.

   Während seiner Lesung allerdings lässt Dirk von Petersdorff dann solche Informationen pointiert und lehrreich einfließen, trägt eine kluge Auswahl ganz unterschiedlicher Gedichte vor – von Heile, heile Segen über Annette von Droste-Hülshoff und Mascha Kaléko (von der nun sechs, statt zuletzt einem Gedicht vertreten sind) bis zu Wolf Wondratscheks In den Autos –, scheut sich nicht, auch den eigenen Zauberwürfel zu lesen (er hat drei eigene Gedichte aufgenommen, darunter das wunderbare Poem An eine Dreizehnjährige, aber auch eines aussortiert, das sein Vorgänger Albert von Schirnding aufgenommen hatte), und beendet den Abend – dem Veranstaltungsort verpflichtet – mit Storm-Gedichten, von denen 16 in der Auswahl zu finden sind.

   Dabei wird nicht zuletzt deutlich, wie sehr Dirk von Petersdorff die Storm’sche Lyrik schätzt. Längst überfällig, hat er endlich Storms berühmtes Todesgedicht Geh nicht hinein in den Brunnen aufgenommen, verzichtet aber an diesem Abend ausdrücklich darauf, es vorzutragen, zu groß sei der Respekt vor diesem anspruchsvollen Gedicht.

   Wie mitreißend und einnehmend der Herausgeber seine Sammlung zu präsentieren weiß, wird nicht nur an den lebhaften Reaktionen des Publikums im Viola-tricolor-Zimmer deutlich, sondern auch an dem Umstand, dass am Ende dieses Abends alle 20 vom Verlag georderten Buchexemplare (Preis: 28 Euro) verkauft sind, neben zahlreichen weiteren Büchern des Autors Dirk von Petersdorff wie dessen jüngstem Gedichtband Unsere Spiele enden nicht und der 2022 erschienenen Novelle Gewittergäste.

 

Die schönsten Versprechen

Eine Lyrikerin, die zwei Mal im neuen  Brunnen vertreten ist, setzte einen Monat später die Veranstaltungsreihe fort: Doris Runge war mit den schönsten versprechen aus dem Weißen Haus in Cismar in die graue Stadt ans Meer gekommen, um die Gäste (darunter Wegbegleiter wie Jochen Missfeldt und Dörte Hansen) mit einem glanzvollen Lyrikabend zu beschenken.

   Glanzvoll kann dabei auch ganz buchstäblich für Doris Runges Lyrik gelten, die sich ihren Sujets oft visuell nähert, »man könnte sich ins blau verlieben« lautete der vorletzte Band, 2017 bei Wallstein erschienen. Im neuen Band, aus dem Doris Runge an diesem vorfrühlingshaften Aprilabend liest, ist gleich die erste Sektion der in Gruppen angeordneten Gedichte mit »in der tintenschwarzen brandung« überschrieben. Später erscheint da die »brücke im gegenlicht«, wiederum an anderer Stelle gibt es »die grünen / fleischigen rosen« und einen »wunsch / in blau und grau«; und »hinter diesem grau / wartet ein sommer häuschen / mit blau gestrichenen türen«; »eine leerzeile / bleibt / rot markiert«.

   Mit dem vielleicht beeindruckendsten Gedicht des Bandes schließt Doris Runge den Gedichtreigen dieses unvergesslichen Abends im Husumer Storm-Haus, der nach diesem Gedicht noch lange nicht endet, sondern mit Gesprächen bei Wein und frisch gebackenem Brot erst Stunden später ausklingt.
 

Christian Demandt, 3.5.2023
Diesen Bericht finden Sie auch in unseren Mitteilungen aus dem Storm-Haus 36 (2023)