Hohle Gasse 3

Hohle Gasse 3

1821 zog die Familie Storm zur Großmutter Magdalena Woldsen in das Haus Hohle Gasse 3. Es ist das bedeutendste bis heute in Husum erhaltene Beispiel bürgerlicher Bautätigkeit im 18. Jahrhundert. Errichten ließ es Storms Urgroßvater, der Kaufmann und Zuckerfabrikant Friedrich Woldsen, um 1770 für den Sohn Simon. Ein die Zentralachse der Straßenfront betonender Giebel wie auch ein 1777 seitlich an das Gebäude angebautes Kontor- und Packhaus sind nicht erhalten. Im Inneren des Hauses ist bis heute ein reiches Rokokoambiente mit Türen und Stuckaturen des 18. Jahrhunderts bewahrt. Zusammen mit dem in Theodor Storms Kindheits- und Jugendjahren noch erhaltenen beweglichen Inventar der Rokokozeit und den Berichten der Familienangehörigen, die schon bewusst im 18. Jahrhundert gelebt hatten, weckte es im jungen Storm ein Faible für diese Zeit, das der Dichter in verschiedenen Prosaerzählungen literarisch verarbeitet hat (z. B. "Im Saal", "Im Sonnenschein"). Sie war ihm zugleich gedankliches Refugium in Phasen eigener Lebenskrisen, Möglichkeit zur Flucht aus der bedrängenden „peinlichen Wirklichkeit“ (Storm 1854). Dass sie bereits vom Schatten der Vergänglichkeit eingeholt ist, bleibt dem Dichter gegenwärtig und gehört auch zu dieser Wirklichkeit.

Friedrich Woldsen, der »letzte große Kaufherr, den die Stadt gehabt hat, der seine Schiffe in See hatte und zu Weihnachten einen Marschochsen für die Armen schlachten ließ« (Theodor Storm, Aus der Jugendzeit, Erstdruck: 1888), bewohnte das schräg gegenüber liegende Haus Hohle Gasse 8, dieses ist zusammen mit Hohle Gasse 4 Schauplatz von Storms Novelle Die Söhne des Senators (1880). Das Haus Hohle Gasse 8 ist heute nur stark verändert erhalten.

Theodor Storm war zunächst Schüler der Husumer Gelehrtenschule, er schloss 1837 den Schulbesuch in Lübeck ab. Das Studium der Rechtswissenschaften beendete er im Oktober 1842 und wurde Mitarbeiter in der Anwaltspraxis seines Vaters in Husum. Die Praxis befand sich im Haus Hohle Gasse 3. Theodor Storm eröffnete schließlich im April 1843 in Husum eine eigene Anwaltspraxis und zwar im Haus Großstraße 11. Dieses Gebäude ist nicht erhalten. 1845 zog Storm dann in das Haus Neustadt 56.

Text: Holger Borzikowsky (Husum)