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Studium in Kiel

Im April 1837 immatrikulierte sich der 19-jährige Theodor Storm an der juristischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU Kiel) und nahm Wohnung in der Kehdenstraße 20.

Die Abbildung zeigt das alte Universitätsgebäude, in dem die CAU von 1767 bis zum Neubau der Universitätsgebäude, der von 1872–1876 andauerte, untergebracht war. Das Gebäude, in dem anschließend das Schleswig-Holstein Museum für vaterländische Altertümer untergebracht war, wurde im zweiten Weltkrieg zerstört.

Als Storm in Kiel studierte, war Kiel noch eine beschauliche Kleinstadt im dänischen Gesamtstaat mit rund 12.000 Einwohnern. Auch die Anzahl von 200 bis 300 Studenten blieb recht übersichtlich.

Seinem Studienfach »ergab« Storm sich »ohne besondere Neigung«. Dennoch waren seine Erwartungen an das Studentenleben hochgespannt, wichen aber bald der Ernüchterung, wie ein Tagebucheintrag aus seinem ersten Semester zeigt:

»Da bin ich denn nun seit einem Vierteljahre unter deutschen Studenten selbst ein deutscher Student. Ich hätte mir den deutschen Studenten anders gedacht: Ein Gemisch aus ritterlicher Galanterie, traulicher Heiterkeit, Begeisterung für seinen freien Stand; Geist und Herz und Gefühl für alles Schöne. – Aber was finde ich von alle dem? Mut allerdings, Mut fehlt dem deutschen Studenten noch nicht. Aber wo trifft man die schöne jugendliche Poesie des Lebens, die noch unverkümmert ist von den beengenden Verhältnissen der spätern Jahre, wo die bescheidne Heiterkeit, die ihn charakterisieren soll und den deutschen Studenten bei allen guten Menschen beliebt macht?« 

»Ich möchte sagen, der Kieler, und ich glaube sagen zu können, der deutsche Student ist entweder ein Mensch, der viel kneipt und trinkt, alle Naselang auf der Mensur liegt, sich in Gemeinheiten gefällt, eben von nichts anderem redet, als von Kneipereien und Paukereien, sich irgend ein schmuckes Dienstmädchen hält, auch wohl die Farben irgend einer Verbindung und, wenn er ihn hat, einen Schnauzbart trägt und nebenbei etwas ins Kolleg geht, oder er ist arbeitsam, eingezogen, einseitig oder einfältig.«

Tagebuch, 18.6.1837


Vier Jahre später – Storm ist nach einem eineinhalbjährigen Wechsel an die Berliner Universität wieder in Kiel – hat sich der Studiosus von seinen romantischen Vorstellungen über das Studentenleben verabschiedet und kommentiert seinen alten Tagebucheintrag als »dummes Zeug«. Storm wohnt jetzt im Hause des Hofbäckermeisters Andersen in der Flämischen Straße 12. Er ist Mitglied einer »Clique«. Diese nennt er stolz eine »kleine übermütige und zersetzungslustige Schar [...], die geneigt war, möglichst wenig gelten zu lassen« (Meine Erinnerungen an Eduard Mörike, 1876/77). Die jungen Leute, vor allem der gleichaltrige Theodor Mommsen und dessen Bruder Tycho, begeistern sich zudem für Literatur.

Auf den Spuren der Brüder Grimm sammeln die drei Studenten volkstümliche Erzählungen aus der Heimat wie Spukgeschichten und Schwänke, Märchen und Sagen. Unterstützt werden sie dabei von dem Kieler Hilfsbibliothekar Karl Müllenhoff, der die Sammlung 1845 als Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg unter eigenem Namen herausgibt und damit seine Karriere als bedeutender Germanist begründet.

Liederbuch dreier Freunde

Man beschränkt sich jedoch nicht auf das Entdecken und Sammeln von literarischem Volksgut. Unter Theodor Mommsens Leitung verschaffen sich die drei Freunde einen Überblick über das, was in der zeitgenössischen Lyrik Geltung besitzt: Eichendorff, Heine, Mörike, Rückert ... und eifern ihren Vorbildern mit eigenen Gedichten nach. Die Ergebnisse bleiben meist konventionell, wenn auch bisweilen artistisch virtuos – wie bei Theodor Mommsen – oder mit ersten Ansätzen zu einer eigenen Handschrift – wie bei Theodor Storm.

Zugleich fehlt es nicht an Mut und Selbstbewusstsein, so dass die drei Kommilitonen beschließen, ihren lyrischen Ertrag in einem Liederbuch dreier Freunde zu veröffentlichen, das 1843 in der Kieler Schwers’schen Buchhandlung erscheint. Storm steuert über 40 Gedichte dazu bei. Neben frechen studentenhaften Provokationen und Fiedel-Liedern findet sich auch tief Empfundenes und Nachdenkliches, so die lyrische Verarbeitung von Theodor Storms heikler Liebe zu Bertha von Buchan.

Als 19-jähriger Gymnasiast war Storm erstmals der damals Zehnjährigen in Hamburg begegnet. Aus Kiel sandte er ihr eigene Gedichte und das für sie verfasste Kindermärchen Hans Bär. Er verliebt sich in die Zwölfjährige und macht der Sechzehnjährigen während seiner Examenszeit schließlich einen Heiratsantrag, der von ihr abgelehnt wird.

Literarische Ernte

Nach überlanger Studiendauer und mit einem Berg Schulden schloss Storm seine Kieler Universitätszeit 1842 mit dem juristischen Staatsexamen ab und kehrte in seine Vaterstadt Husum zurück. Neben seinem Brotberuf wandte er sich zunehmend der Dichtung zu und verarbeitete darin – z.T. erst nach Jahrzehnten – seine Erfahrungen im Kieler Studentenmilieu. Die Novellen Immensee (1849), Der Herr Etatsrat (1881) und Zur Chronik von Grieshuus (1884) geben davon Zeugnis. Besonderen Raum findet das Kieler Studentenleben in der Erzählung Auf der Universität (1862).

Text: Walter Arnold (Heikendorf)


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